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We are Motörhead and we play Rock’n’Roll

There is no easy way to say this…our mighty, noble friend Lemmy passed away today after a short battle with an extremely aggressive cancer.

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Er wird uns fehlen. Motörhead Frontmann und Rock’n’Roll Legende Lemmy Kilmister ist im Alter von 70 Jahren verstorben. Seine Band Motörhead gibt diese Meldung auf facebook bekannt und wir trauern um einen erstaunlichen Typen, der sich selbst so lebhaft feiern konnte und dabei so unzerstörbar schien.

Vor gut zwei Jahren hatten wir die Gelegenheit im Rahmen des Metal Hammer Awards ein Interview mit ihm zu führen, gemeinsam eine Flasche Bourbon zu leeren und in Erinnerungen zu schwelgen. Jetzt ist der Zeitpunkt, um sentimental zu werden und noch einmal in das bewegende Interview einzutauchen.

If You Think You Are Too Old To Rock’n’Roll Then You Are

Lemmy Kilmister ist so etwas wie die Konstante des Rock’n’Roll. Er ist seit 50 Jahren da, seit annähernd 40 davon als Bassist und Sänger von Motörhead, der einst lautesten Band der Welt. Vor den schwindelerregend hohen Marshall-Gebirgen steht dann ein Podest für das Drum-Kit mit den charakteristischen zwei Bass-Drums und davor stehen wiederum zwei Männer, einer mit Gitarre und einer mit Bass. So weit, so pur. Nach der bekannt sachlichen Einleitung „We are Motörhead. And we play Rock’n’Roll.“ tun sie dann genau das und zwar everything louder than everything else. Der unzerstörbare Lemmy bringt uns dabei mittels des traditionell hoch angebrachten Mikros einiges über die Frauen in seinem Leben, die Segnungen der pharmazeutischen Forschung, die unsterblichen Produkte spezieller Destillen oder auch den anregenden Nervenkitzel exzessiven Glücksspiels mit genau der Heiserkeit in der Stimme nahe, die man erwartet, wenn man ihn das erste Mal sieht.

Nur weil es die Ozonschicht und so coole Typen gibt, kann die Sonne uns nicht verbrennen.

Die nette Frau Managerin betritt den Raum und kündigt das Herannahen Lemmy Kilmisters an, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. Vielleicht in ihrer, aber doch um Gottes Willen nicht in unserer. Ehe wir uns versehen, sitzen wir in trauter Runde um den Tisch, die Sprachaufzeichnung läuft und statt sich unsere Fragen anzuhören, bietet uns der einzig wahre Mister Kilmister einen Whiskey aus seiner Privatpulle an. Den wir tatsächlich beide höflich, aber bestimmt ablehnen. Einen Bourbon, offeriert von Lemmy. Abgelehnt. Nein Danke, es ist noch zu früh. Ich hab auch ein bisschen Grippe. Und Jetlag. Oder warte, Bourbon mit dem Sänger von Motörhead? Ich nehm’ dann wohl doch einen. Ja, ist wohl besser, denke ich. Beschlagenes Glas, klimpernde Eiswürfel, so richtig glauben kann man es eigentlich nicht. Und dann schaffe ich es, genau eine Frage zu stellen: Lemmy, du bist eine 1A Spitzen Rock’n’Roll Ikone. Wie steht’s mit der Mode, man hört, du entwirfst deine Stiefel selbst?

Neben ihm wird jeder andere zum Poser
Zum Thema Stiefel ist zumindest Folgendes in Erfahrung zu bringen: Ja, er entwirft die Schäfte selber und bestimmt auch Form und Material. Die Frage nach der Farbe überrascht ihn. Gibt es noch eine außer schwarz? Nein, eigentlich nicht. Mein Fehler. Ob man die Stiefel auch kaufen könne? Natürlich, wenn man den Laden fände und seine Tür. Aber die ist eigentlich auch immer zu. Nein, außer ihm kann niemand diese Stiefel kaufen. Seinen schwarzen Hemden, Jacken und Hosen lässt er manchmal etwas Aufmerksamkeit angedeihen, veredelt sie mit Aufnähern und Badges. Während ich noch dabei bin, mir diese beschauliche Szene am offenen Nähkästchen vorzustellen, ergänzt er schnell, das es wohl ein paar Leute gäbe, die dergleichen gern für ihn erledigen würden. Später kommen wir noch einmal auf das Fashion-Thema zurück und erfahren eher beiläufig, dass das Motörhead England T-Shirt mit dem Bandsymbol „Snaggletooth“ das bekannteste Markenzeichen im Rockgeschäft ist. Und dank Lemmy trägt es einen Helm, ein paar Ketten,  ein eisernes Kreuz und leidet unter unkontrolliertem Speichelfluss. Das konnte seinen Siegeszug nicht stoppen. Wahrscheinlich kennt keiner keinen, der keins hat.

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The Ace of Bass
Der freundliche Anarchist, es gibt ihn also noch. Ich hatte eh schon immer das Gefühl, Motörhead ist viel mehr Punk als Heavy Metal. Das Lemmy Sid Vicious das Bassspielen beizubringen versucht hat und nach drei Tagen entnervt aufgab, erfahren wir hier noch einmal aus erster Hand. Als Lemmy Sid drei Wochen später traf, erzählte dieser ihm, dass er jetzt bei den Sex Pistols wäre. Als Roadie? Nein, als Bassist natürlich. Natürlich. Aber er war nicht nur dem offensichtlich schlechtesten Basser der jüngeren Geschichte begegnet, sondern auch dem besten Gitarristen aller Zeiten. Und als der das ganz Besondere aus der Reisetasche holte, hatte Lem schon die erste Pille intus, als er den Roadie sagen hörte, er werde mal ein Messer besorgen, um die Dosis zu vierteln, es sei nämlich echt starker Stoff, dieses ganz Besondere. 30 Stunden später fand er zurück in sein eigenes Bewusstsein, stellte fest, dass er nichts verpasst hatte und ließ sich für die nächsten Tage erneut entschuldigen.

Come Fly With Me
Vom London der späten Sechziger mit Motörhead ins Russland der Neunziger, auf Tour mit der Band und der Macht der Umstände geschuldet den letzten offiziellen Lift der Aeroflot nach Charkow verpasst, besorgt die Tourneeleitung Lemmy einen Privatflug. In Erwartung eines schneidigen Lear-Jets samt hübschen Stewardessen und gepflegten Drinks, war die Überraschung umso größer, als der Wagen auf einen Militärflugplatz zuhielt, wo gerade eine große Frachtmaschine mit LKWs beladen wurde. Statt der Stewardessen nahmen ihn zwei bewaffnete Rotarmisten in Empfang und führten Lemmy durch das Labyrinth aus transportgesicherten Lastwagen und Schützenpanzern zu einem freien Platz im Laderaum, der durch Seile abgetrennt war und in dem eine Garnitur Gartenmöbel aufgebaut war. Seine Lounge nämlich, wie man ihm mitteilte, bevor von irgendwo her eine Flasche Vodka auftauchte. Der permanente Steigflug der überladenen Maschine machte das Backgammon spielen unmöglich, also durften die martialischen Flugbegleiter ihren Sold behalten. Die Leidenschaft für’s Zocken ist genauso absolut wie die für Destilliertes.

Danke, Lemmy

P.S. Als ich ihn frage, ob er, der schließlich aus 100 Prozent rostfreiem Heavy Metal bestehe, überhaupt vor irgendetwas auf der Welt Angst hätte, antwortete er: „Schmerzen. Jeder Mensch hat Angst vor Schmerzen. Vorm Zahnarzt zum Beispiel. Ansonsten gibt es nichts, was man nicht irgendwie regeln könnte. Also muss man vor nichts sonst Angst haben.“ Richtig.

Das Interview wurde geführt von Oliver Krüdener und Stephan Schneider / 2013

Ein großer Dank gilt Ute Kromrey für dieses einzigartige Treffen!

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Lemmy signiert für uns die gemeinsam genossene Flasche Jack Daniels, die im Anschluss zu Gunsten von Viva con Agua versteigert wurde.

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Comments (1)

  • :( Gott sei dank konnten wir ihn im November ein letztes mal live sehen…Wir hören motörhead lauter als irgendwann zuvor.

    Lemmy…till the end…
    In your life you’ll be amazed
    About all you long to lose
    You cant never live that life again
    But one thing you will never lose
    Is the signing in your head
    That will still be with you till the end

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