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Fuck, this shit is wicked! Jess Glynne im Interview

Zugegeben, da ist bisher etwas komplett an mir vorbei gegangen. Als ich erfahre, dass ich Jess Glynne vor ihrem Hamburg-Konzert in der Großen Freiheit 36 zum Interview treffen darf, sagt mir der Name erst einmal gar nichts. Da habe ich eindeutig etwas verpasst: Denn sie ist Grammy-Gewinnerin, hatte fünf Nummer-eins-Hits in den britischen Charts und ihre vier Deutschland-Konzerte sind schon lange komplett ausverkauft. Zu Recht! Denn dass ihre Stimme der absolute Wahnsinn ist, stelle ich spätestens dann fest, als Jess Glynne selbst vor mir steht. Sie ist klein und zierlich, aber eine dieser Personen, deren Charisma im ganzen Raum zu spüren ist. Das tollste aber ist wirklich ihre Stimme: dunkel und rauchig und extrem lebendig. Ich könnte ihr stundenlang zuhören.

Video: Warner Music Germany

Jess kichert und lacht fast das gesamte Interview über. Die Stimmung ist so entspannt, dass ich fast das Gefühl habe, mit einer Freundin im Café zu sitzen, anstatt mit einem britischen Superstar im Backstage-Bereich einer Konzerthalle. Ihr hört es schon, ich bin seitdem wirklich Fan.

Jess, du bist in London geboren und aufgewachsen, hast also automatisch das Fashionista-Gen. Wie würdest du deinen Modestil beschreiben?

Nur weil ich aus London komme, kann ich mich direkt gut anziehen? Das wäre ja einfach (lacht). Okay, ja, London ist natürlich eine Fashion-Metropole, aber bei mir ist es eher so, dass meine Mutter extrem modeverrückt ist. Ich glaube, ich habe diese Leidenschaft von ihr übernommen. Im Gegensatz zu mir ist meine Mom aber wirklich krankhaft besessen davon (lacht). Ich bin da vernünftiger, aber ich liebe Mode! Ich mixe gern unterschiedliche Stile miteinander, meistens in Richtung modern und geradlinig. Ganz wichtig: bequem muss es sein. Das gibt Selbstbewusstsein. Hat aber ein bisschen gedauert, bis ich diese Erkenntnis hatte (lacht).

Als ich ein Teenager war, habe ich immer so schreckliche Buffalo-Boots (Schuhe mit hoher, durchgehender Sohle, die wie Autoreifen aussahen) getragen…

Oh jaaaaa, ich auch!!! Und so furchtbare lila Schlaghosen. Rückblickend war mein Geschmack richtig, richtig schlimm. Meine Mom wollte mich manchmal am liebsten gar nicht aus dem Haus lassen, weil sie sich so für mich geschämt hat!

Also gab es auch bei dir so richtige Modesünden?

Und wie, da gab’s jede Menge (lacht). Mein schlimmster Ausrutscher war ein Festivallook vor zwei Jahren, da habe ich diese schrecklichen Leggings getragen, schwarz mit neongelbem Aufdruck und einen durchsichtigen Regenmantel. Wie konnte ich nur so etwas Scheußliches tragen? Keine Ahnung wieso, aber ausgerechnet von diesem Outfit tauchen immer wieder irgendwo Fotos auf. Das war ein echt peinlicher Fehlgriff und wenn ich mich heute daran erinnere, bin ich von mir selbst total enttäuscht (lacht).

Wir haben davon heute leider kein Foto für euch, aber wer sich selbst ein Bild machen möchte, der gibt einfach in der Google Bildersuche „Jess Glynne No Tomorrow Festival 2014“ ein…nur so als kleiner Tipp am Rande 😉

Inzwischen habe ich zum Glück eine großartige Stylistin. Ist auch besser so (lacht). Ich habe richtig viel von ihr gelernt. Ich liebe sie!

Und privat? Jeans-T-Shirt-Sneaker-Look oder Little Black Dress?

Ich trage wahnsinnig gerne mal ´ne schöne gepflegte Jogginghose (lacht). Nee, wirklich, ich liebe gemütliche Sachen, wenn ich zuhause bin. Aber ich lege trotzdem auch privat viel Wert auf Mode. Dadurch kann ich mich und meine Persönlichkeit richtig zum Ausdruck bringen. So wie man sich anzieht, so nehmen dich die Leute auch wahr.

Mir ist aufgefallen, dass du auf jeder Menge Fotos Statement-Sonnenbrillen trägst…

Jess reißt die Augen auf und unterbricht mich schockiert.

Echt? Ich trage doch fast nie Sonnenbrillen! Aber die Fotos sind doch bitte nur von draußen, oder? Ich finde es so schlimm, wenn Leute in Gebäuden Sonnenbrillen tragen, das ist total peinlich! Hab ich doch nicht gemacht, oder? Oh no, das wäre ja schon wieder ein Fashion-Unfall (lacht)!

Nein, keine Sorge, dass waren immer Bilder, auf denen du irgendwo draußen bist!

Puh, da bin ich ja froh. Aber ehrlich, mir ist das noch nie aufgefallen, aber jetzt wo du es sagst… Stimmt, ich habe ein Sonnenbrillen-Problem (lacht). Ich habe auch wirklich jede Menge davon. Hier, schau mal, das ist mein aktueller Liebling!

Sie hält eine gelb-verspiegelte Brille im John-Lennon-Style mit kleinen runden Gläsern hoch. Ich würde mit so einer Brille einfach nur blöd aussehen, aber sie kann es tragen. Ich glaube, sie ist einer dieser Menschen, die so authentisch sind, dass ihnen alles steht, einfach deshalb, weil es ihnen so gut gefällt.

Jetzt wird es gemein: Wenn du für den Rest deines Lebens Tag für Tag nur noch ein einziges Outfit tragen dürftest, was wäre das?

Echt jetzt, ein einziges Outit? Ich würde sofort sterben! Aber okay, vermutlich würde ich als Schuhe hier diese Brogues von Stella McCartney wählen.

Jess zeigt auf ihre wirklich anbetungswürdigen schwarzen Lackschuhe mit Plateaueinsatz aus Holz und weißer Gummisohle

Die sind superbequem und sehen toll aus. So etwas finde ich perfekt. Dazu eine richtig gut sitzende Jeans und ein Rollkragentop. Oder diesen Jumpsuit, den ich letztens anhatte. Oder halt, vielleicht auch den schwarzen Mantel…

Sie sackt vor lauter Qual regelrecht in sich zusammen.

Nein, nein, echt, ich kann mich nicht entscheiden, das geht einfach nicht (lacht). Aber schwarz sollte es sein, das passt einfach immer. Kleidung muss so schwarz wie möglich sein für mich, da bin ich stur.

Soso! Verrätst du uns noch irgendwelche „Macken“ von dir?

Ja, ich habe eine ganz üble: Ich lache immer. Kein Witz!

Wir sprechen ja englisch, ich verstehe hier zur allgemeinen Verwirrung erst einmal die ganze Zeit „love“, also „lieben“, statt „laugh“, lachen. Deshalb kommt mir die weitere Antwort erst einmal ein wenig seltsam vor…

Das ist richtig nervig, ehrlich. Aber ich kann nicht anders. Selbst bei…keine Ahnung…einem Sonnenuntergang oder so. Meine Visagistin schimpft vor Terminen jedes Mal mit mir, weil ich vor Lachen weine und dann mein Make-up komplett ruiniert ist.

Ich kläre sie über das love/laugh-Missverständnis auf und sie bricht natürlich direkt in schallendes Gelächter aus. Und ich bin erleichtert, dass sie nicht vor Liebe weint.

Natürlich, das hätte ich mir aber auch denken können! Schließlich heißen dein aktuelles Album und deine Tour „I Cry When I Laugh“. Okay, das ist mir jetzt peinlich. Bitte zur Ablenkung her mit deinem besten Witz!

Ich soll einen Witz erzählen? Oh my Gosh. Ich erzähle eigentlich dauernd Witze und jetzt fällt mir keiner ein. Oh warte, doch! Über den lache ich mich mit meiner Familie immer wieder halbtot, dabei hab ich ihn sogar selbst erfunden.

Jess bekommt einen Lachanfall und kann kaum sprechen

Moment, warte, so, okay, also: Warum geht das Huhn über die Straße?

Sie sieht mich abwartend an. Ich habe keine Ahnung und zucke etwas hilflos mit den Schultern.

Es will auf die andere Seite.

Sie bekommt wieder einen Lachanfall. Okay, das ist wohl englischer Humor. Aber dabei ist sie so mitreißend fröhlich, dass ich trotzdem automatisch mitlachen muss.

Magst du meinen Witz? Ich weiß, der ist bescheuert. Aber ich mag sowas. Warte, ich hab noch einen: Warum fliegt der Drache über den Shop? Weil er auf die andere Seite will. Oh man, das ist eigentlich viel zu peinlich. Lass uns lieber das Thema wechseln, ich steigere mich da sonst rein.

Na gut. Dann sag mir doch mal, welches Poster als Teenie bei dir über dem Bett hing?

Woran ich mich am besten erinnere, ist ein riesiges Poster von Freddy Ljungberg in einer Werbung von Calvin Klown…fuck…ich meine Klein, natürlich nicht Clown (lacht)! Egal, jedenfalls sah er verdammt heiß aus auf dem Bild, mit oder ohne Clown, aber in winzigen Boxershorts. Fuckin‘ Hot!

Ich muss grinsen.

„Fuck“ ist irgendwie dein Lieblingswort, oder?

Fuck, yeah!

„Foooock“. Ihr Akzent ist großartig, sie dehnt das Wort ganz lang und sagt es mit absoluter Leidenschaft, dass es fast klingt wie ein Kompliment. Natürlich lacht sie auch dabei die ganze Zeit.

Fuck passt einfach zu allem, gut und schlecht. Oder „Wicked“. Oder „Shit“. Ja, „Shit“ ist auch cool. Aber “Fuck” ist besser. Oh ich fluche einfach gern. Fuck, this shit is wicked! Wie sagt man in Deutschland, wenn man “Fuck” oder “Shit” meint?

Hm, lass mich überlegen. Vielleicht sowas wie „Verdammte Scheiße“.

Oh, das ist aber lang. „Fuck“ ist viel praktischer. Aber kann ich das heute Abend auf der Bühne sagen? Verdammte Scheiße? Oder ist das böse?

Ein bisschen vielleicht…

Dann sollte ich es besser nicht sagen. Aber vielleicht mache ich es trotzdem, warte mal ab!

Jess grinst. Sie wird es mit Sicherheit sagen.

Jetzt mal weg von der verdammten Scheiße. Erzähl mir doch mal von einem richtig schönen Moment in deinem Leben!

Ich hatte so viele schöne und fröhliche Momente in meinem Leben! Einer der schönsten war aber tatsächlich gestern Abend. Ich habe ein Konzert in Amsterdam gegeben und meine Mom und mein Dad waren da, zusammen mit vielen Freunden. Sie haben sich erst die Show angesehen und danach waren wir alle zusammen noch im Pub. Es war ein so lustiger und leichter Abend mit den Menschen, die ich liebe und die mir zeigen, wie stolz sie auf mich sind. Das bedeutet mir unheimlich viel, besonders, seit ich dauernd durch die ganze Welt toure.

Das kann ich mir vorstellen, da sind solche Momente natürlich sehr kostbar! Wie ist es denn für dich, so lang auf Tour zu sein?

Ich hasse es, das ist absoluter fuckin‘ shit (lacht). Quatsch, es ist fantastisch, ich liebe es! Wirklich, es ist meine allerliebste Beschäftigung auf der Welt! Klar, man sieht so viele tolle Länder und Städte und Kulturen und so, aber vor allem ist es einfach deshalb so toll, weil ich zuhause inzwischen so oft erkannt werde und nicht mehr ganz so frei bin. Auf Tour hänge ich mit der Band im Bus ab und bin einfach ganz normal Jess und muss mir keine Gedanken machen. Das hört sich jetzt vielleicht schlimm an, aber so ist es gar nicht, ich bin auch gern zuhause. Aber auf Tour sein ist einfach fast wie Urlaub für mich. Mein Leben ist völlig verrückt (lacht). Das einzige was mich nervt ist das Leben aus dem Koffer. Aber immerhin sind tolle Sachen drin, damit kann ich dann doch leben!

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Fotocredit: Warner Music Germany

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