„Da, ich sehe ein Ufo! Und dort glitzern die American Express Karte und Obamas Gesicht. Und – oh toll – wir können von Oscar Wildes und Edgar Allen Poes Gesicht essen.” Ähm, wie bitte?

So könnte der Ausruf eines begeisterten Besuchers bei Selfridges klingen, wenn er die schräge Deko, Pailletten-Klamotten und Porzellanteller vorfindet. Seit dem 30. April erstreckt sich eine farbenfrohe Welt über fünf Schaufenster und Keller des Londoner Kaufhauses. Sie heißt „Die Begegnung mit der fünften Art” und kommt von dem französischen Fashiondesigner und Künstler Jean-Charles de Castelbajac. Die schrille Ideen-Landschaft ist Kunst-Installation und Boutique in einem. Sie erzählt die Geschichte einer Alien-Invasion und präsentiert gleichzeitig die Frühjahr/Sommer-Kollektion „Pirots, Parrots and Paradise”, die wiederum das Piratenthema aufgreift. Hinzu kommen Haushaltswaren, Teppiche, Accessoires und andere Artikel, die de Castelbajac designt hat.

Mit diesem Projekt tritt de Castelbajac in die Fußstapfen anderer Designer wie Vivienne Westwood oder Louis Vuitton, die zuvor bei Selfridges ausgestellt haben. Der 60-jährige Avantgardist aus Frankreich ist berühmt dafür, dass er Elemente aus Kunst, Musik, Cartoons und aktuellen Themen zu poppigen Designs zusammenflickt. „In der Mode und jetzt in der Kunst war ich immer fasziniert davon, Sachen, die nicht zusammenpassen, zu kombinieren“, erklärt er dem Vicemagazine kurz vor dem Kaufhaus-Projekt. „Mode ist für mich ein Manifest. Es geht darum, Fragen zu stellen; Tragbarkeit ist mir egal.“

Das merkt man an seinen unfassbar vielen Projekten aus 40 Jahren. Unter dem Titel „Urban Wildlife“ hat er Models Tierköpfe übergezogen und dazu den Beatles-Song „I wanna hold your hand“ von Hunden singen, äh, bellen lassen (allerliebst, kann man auch auf seiner Website bewundern). Die Muppets oder auch Andy Warhols Kopf hat er als flauschige Haarexplosionen auf den Laufsteg geschickt und Madonna vergrub sich unter einem Kleid, das aus Teddybären bestand. Hinzu kommen immer wieder Anspielungen auf politische und soziale Themen. „Mode braucht Rebellen”, findet de Castelbajac. „Ich glaube, viele große Modeunternehmen suchen verzweifelt nach Leuten, die etwas Mächtiges und Rebellisches mit ihrer Marke machen.“
Als de Castelbajac anfing, kreativ zu arbeiten, wollte er eigentlich nur Mädels kennenlernen. Einige Versuche der Schauspielerei und Singerei brachten nicht die ersehnte aphrodisierende Wirkung, also designte er sein erstes Teil: Eine Jacke aus einer alten Decke, die schließlich von John Lennon getragen wurde. Irgendwann war das Feuer des Ruhms entfacht. „Wir dachten, wir wären die Rolling Stones.“
Heute sieht der Freigeist die Mode so, dass sie Authentizität braucht. „Jedes Label sucht eine Band oder einen Künstler, um mit ihm zu arbeiten. Es reicht nicht, eine große Firma zu sein, ein Modelabel ohne Freund hat keinen Erfolg.“ Zu de Castelbajacs Freunden zählen Musikstars wie Lady Gaga, Rihanna oder Katy Perry, für die er Klamotten wie das Obama-Kleid entwirft.
De Castelbajacs neues und günstigeres Label names JCDC ist vielleicht etwas leichter verdaulich und … oder nein, eigentlich doch nicht. Dennoch finden wir seinen fantastischen Ideenreichtum, seine ironischen Geschichten und seinen Tatendrang herrlich. Schade, dass unsere Kaufhäuser uns nicht in solche Welten entführen.
Was meint Ihr? Schön oder schräg (oder beides)?
Eine überirdische Woche wünscht Euch
Eure Lena
Tags: Andy Warhol, Avantgarde, JCDC, Jean-Charles de Castelbajac, Katy Perry, Lady Gaga, London, Louis Vuitton, Muppets, Rihanna, Selfridges, Vivienne Westwood